Von Tuoddar nach Tarraluoppal

25. Juli 1995

Christian wird um 5 Uhr 30 durch infernalisches Getöse geweckt. Sturm und Regen zerren am Zelt. Ein Temperaturcheck ergibt 4°C im Zelt! Nach zwei Stunden steht er auf, um das Zelt nachzuspannen und stellt eine Außentemperatur von 3°C fest. Er schätzt eine Windstärke von 6-7, mit noch stärkeren Böen. (Später auf der Rückreise erzählen uns Wanderer im Zug, daß die Böen bis zu 120 km/h erreicht haben.) Eisregen und Hagel setzen ein und gefrieren auf der Zeltplane. Im Innern des Zeltes wird dies durch eigenartige Muster erkennbar. Nichtsdestotrotz frühstücken wir ausgiebig und brechen dann völlig durchgefroren auf. Selbst das in Tuoddar angebotene frische Brot kann uns nicht dazu verleiten, länger hier oben zu verweilen. Wir überqueren die Seenplatte und beginnen den Abstieg zum Vassjajåkkå. Unterwegs begegnen wir Goldregenpfeifern und Flußseeschwalben. Der eisige Wind begleitet uns bis nach Tarreluoppal, wo wir gegen 17 Uhr ankommen. Der Wind wird schwächer und es wird wärmer. Wir umgehen noch den Tarreluoppal und campieren direkt am Ufer.



Såmmarlappa

26. Juli 1995

Um 9 Uhr ist es noch recht ungemütlich, doch bessert sich das Wetter sehr schnell. Bis Silke eine Waschung durchgeführt hat, ist draußen herrliches Wetter und wir beschließen ein Feuer zu machen und Brot zu backen. Das schmeckt ausnehmend gut nach tagelanger Einheitskost aus Müsli und Pfannkuchen. Um zwanzig nach zwei brechen wir gen Såmmarlappa auf. Obwohl wir gestern schon etwa 3 km der Strecke gut gemacht haben, sind die restlichen 12 Kilometer unendlich lang. Abends erreichen wir endlich Såmmarlappa und ein schwedisches Ehepaar zeigt uns einen guten Zeltplatz direkt am Tarraätno. Es gibt eine fertige Feuerstelle mit bereitgelegtem, gesägten Brennholz. Wir bleiben lange bei leichtem Regen am Feuer sitzen, welches nach zwei Stunden erst so richtig lodert. Das Feuer kriegt die nassen Socken trocken und Christians Handschuh eine Nummer kleiner.

Tarrekaise

27. Juli 1995

Der Tag empfängt uns zunächst freundlich, aber windig. Wir bereiten gerade ein großes Frühstück mit Brotteig vor, als leichter Regen einsetzt. Wir verbraten nicht nur den Teig zu Brötchen sondern auch unsere Zeit: wir können erst um halb vier nach Tarrekaise aufbrechen. Ein neuer Feind gesellt sich zu uns: geradezu widerlich große Bremsen. Der Weg gestaltet sich anstrengend, da er nahezu ausschließlich aus Steinen und Geröll besteht. Unterwegs beobachten wir eine Schar Kolkraben. Wieder einmal am Ende unserer - beziehungsweise Silkes Kräfte - erreichen wir die Stugan. Wir gehen jedoch tapfer weiter und suchen uns - mit Hilfe eines Querfeld- oder besser Querwaldeinmarsches - einen Zeltplatz. Fiete und Silke bleiben an einem schönen Raucherstein zurück und Christian kundschaftet einen Zeltplatz aus. Da der Raucherstein oberhalb einer malerischen Bucht im Sonnenuntergang liegt, werden noch Photos geschossen. Christian kehrt mit der Nachricht zurück, daß er einen herrlichen Zeltplatz gefunden habe. Das stellt sich als richtig heraus, dazu Brennholz ohne Ende und wir beschließen sofort, hier einen Ruhetag einzulegen. Wir bleiben bis zwei Uhr am Feuer sitzen, um unter wolkenlosem Himmel und bei Tee mit Rum und Johnnie die Mitternachtssonne zu genießen.

28. Juli 1995

Zunächst ist Ausschlafen angesagt. Im Unterholz sichtet Silke ein Pärchen stattlicher Hühnervögel, die nicht identifiziert werden konnten. Wir diskutieren unsere Ausrüstung. Es ist sehr warm - Christian sitzt schon 10 Minuten im T-Shirt draußen. Nach Brötchenfrühstück - werden immer besser - lümmeln wir am Feuer herum. Der Himmel bedeckt sich etwas. Im beißenden Qualm von Fietes Feuer macht Christian weitere Lötversuche an seiner Kamera.

Nachdem Christian gestern eine Salamischeibe in ein Geburtstags-Yes-Tortie verwandelt hat, geht heute der Lötkolben (rostiger Nagel aus Treibgut) am brennenden Stock im Feuer unter. Im Laufe des Tages stellt sich heraus, daß den Herren in unserer Reisegruppe das gute Pfanni-Kartoffelpüree nicht mundet. Sie finden es so schlecht, daß sie einen Teil davon
w e g w e r f e n!! die nette Flußseeschwalbe, die gestern so lieblich aber ausdauernd gesungen hat, singt nicht mehr - hat F.F. Schollmeyer etwas damit zu tun? In der Zwischenzeit erringt Fiete das Holzhacker- und Feuermacher-Diplom und Christian kämpft mit der Salami, die anscheinend einen ausgeprägten Hang zu Lappland hat. Heute hat es noch nicht geregnet und es ist inzwischen 22 Uhr. Hiermit ist dieser Tag der erste, absolut regenfreie Urlaubstag!

Njunjes

29. Juli 1995

Das Frühstück verläuft normal aber mager, da die Vorräte an Kaffee, Mehl (kleine Pfannkuchen) und an Christians und Fietes Müsli zur Neige gehen bzw. letzteres bereits alle ist. Der Weg führt über eine kleine Steigung und wieder hinunter nach sechs Kilometern zur Njunjes-Hütte. Es handelt sich um eine kleine Anlage, die sehr nett gelegen ist. Hier finden wir Informationen über Boots-, Flug- und Busverbindungen. Nach einer kleinen Pause machen wir uns wieder auf den Weg und finden nach etwa anderthalb Kilometern einen spitzenmäßigen Zeltplatz zwischen zwei Flüssen mit separater Feuerstelle und Strand. Silke führt hier zunächst eine Ganzkörperwaschung mit kristallklarem und eiskaltem Wasser durch. Die Herren halten das für überflüssig, da wir morgen Kvikkjokk erreichen werden, das Ziel unserer Wanderung. Das Wetter ist gut und hier in der geschützten Tallage ist es auch nahezu heiß! Wir gruppieren uns um das Feuer und warten auf das Essen, welches heute leider Sjömannsbiff heißt - bäh! Es folgen die rituelle Verbrennung der Wanderstöcke (auf der Fiete besteht), Rum und Bett.

Kvikkjokk - Jokkmokk - Murjek

30. Juli 1995

Heute müssen wir schon um sechs Uhr aufstehen, da wir auf das Boot nach Kvikkjokk angewiesen sind, das uns der Zivilisation zuführen soll. Mit einem weiteren mageren Frühstück machen wir uns um 8 Uhr 30 auf den 8 Kilometer langen Weg nach Bobäcken zum Bootsanleger. Diesen erreichen wir um halb zwölf und haben somit 30 Minuten Zeit bis das Boot kommt. Der Weg bis hierhin zeichnete sich vor allem durch enormen Mückenreichtum aus. Das Erkennen des Bootsanlegers bereitet uns einige Schwierigkeiten, doch endet der markierte Pfad am Wasser. Vier weitere Personen überzeugen uns von der Richtigkeit unseres Aufenthaltsortes. Ein winziges Boot liefert uns 20 Minuten und 60 SEK später in Kvikkjokk ab. Es ist heiß und wir Essen zuallererst ein EIS!!! Außer Mücken treffen wir hier noch zwei Kampf-Wanderer aus Schwaben. Fleckentarnhose, Springerstiefel, olivgrüne Hemden und der Hut des Afrika-Korps. Am Gürtel zwei Bowie-Messer, auf die Rambo stolz wäre. Nach dem Genuß des Eises begeben wir uns auf die Suche nach der Turist-Service-Station und finden sie. Doch zunächst gehen wir Einkaufen und trinken anschließend nach 14-tägigem Entzug unser erstes Bier - ein Lapinkulta.

Christian füllt unsere neuen Vorräte (Mehl, Marmelade, Kaffee, Müsli und Zucker) in die leeren Behälter, während Fiete und Silke duschen gehen. Um 14 Uhr 25 informieren die Rückkehrer Christian darüber, daß lediglich kalt geduscht werden kann, so daß dieser spontan beschließt, noch ein wenig sein natürliches Aroma beizubehalten. Wir nehmen den Bus nach Gällivare über Jokkmokk um 15 Uhr 45. In der Zwischenzeit wird unser dilettantisches Wissen über die Busverbindungen von einem deutschen Pärchen enttarnt. Sie schlagen uns eine bessere Möglichkeit vor, die uns volle zwei Tage mehr im Süden bringen soll. Der Bus fährt nämlich weiter nach Murjek, wo wir entweder direkt Anschluß an den Zug Kiruna-Stockholm haben oder einen Zubringer-Zug erreichen können. Wir nehmen den Vorschlag an. Das Pärchen steigt in Jokkmokk aus, jedoch nicht ohne uns Übernachtungsmöglichkeiten zu nennen, die wir gegebenenfalls nutzen können. Wir kommen um 18 Uhr 30 in Murjek an und stellen fest, daß unser Zug tatsächlich dort hält! Das bedeutet, daß wir zwei volle Tage gewonnen haben. Die Liegeplätze können im Bahnhof nicht umgebucht werden - wir müssen uns an den Schaffner wenden. Bei Ankunft des Zuges kommt dieser glücklicherweise sofort zu uns und er hat auch noch drei Liegeplätze, die er uns für unsere Reservierung überläßt. Fiete erhält ein separates Bett in einem Abteil mit einer blonden Schwedin, die, wie sich herausstellt, jedoch nicht alleine reist. Pech! Silke und Christian kommen zu einem dänisch sprechenden Schotten und seinen beiden deutsch sprechenden dänischen Cousins. Wir haben eine angeregte Unterhaltung - der Schotte spricht zum Glück auch noch perfekt deutsch! - bis der sechste Mann im Abteil um Ruhe bittet.

Stockholm

31. Juli 1995

Der Tag beginnt mit sonnigen 26°C. Wir erreichen Stockholm um 10 Uhr 44. Zunächst ändern wir unsere Weiterfahrt und buchen Malmö für 23 Uhr 12. Nach dem Frühstück fällt Fiete in Kaufrausch: er ersteht ein Pyramidenzelt für 800 DM auf Christians Kreditkarte. Silke benötigt mehrere Stunden, um festzustellen, daß es in Stockholm mit ca. 1000 Geschäften weder einen Badeanzug noch eine kurze Hose gibt. Christian ersteht einen Rucksack für 1595 SEK nach lediglich etwa 15 bis 20 Preisvergleichen. Die restliche Zeit vertrödeln wir in Kitti's Bar mit echtem Starköl (vor 21 Uhr zu 23 SEK, danach zu 26 SEK). Wir leeren unsere Schließfächer und Christian bewegt sich von nun an elegant mit zwei Rucksäcken. Die Dame von der Zuggesellschaft betonte nachdrücklich die Wichtigkeit der Reservierung für unseren Zug, so daß wir diese natürlich kauften (6 DM/Person). Der Zug kommt pünktlich und bleibt bis Malmö etwa zu einem Drittel besetzt.

Malmö - Ystad - Borrby Strand

1. August 1995

Malmö 6 Uhr 45. Wir klären die Verbindung nach Ystad und weiter nach Simrishamn. Zum Frühstück gibt es wie immer eine bodenlose Tasse Kaffee. Um 7 Uhr 53 können wir nach Ystad abfahren und von dort direkt weiter nach Simrishamn. Dort suchen wir den Bus nach Borrby Strand - den es dort aber nicht gibt. Dafür gibt es einen in Skillinge, doch fährt er dort um 9 Uhr 55 und jetzt ist es 10 Uhr. Wir erfahren, daß man von Ystad aus ebenfalls nach Borrby Strand fahren kann ... Für uns lautet die Devise jetzt: auf nach Borrby und, da wir ja entsprechend ausgerüstet sind, zu Fuß weiter nach Borrby Strand. In Borrby angekommen packt Christian seinen Rucksack um und Silke fragt - wie immer - nach dem Weg. Christian und Silke machen sich mit Rucksäcken auf den Weg - Herr Schollmeyer besitzt zusätzlich eine Aktentasche (auch aus dem Kaufrausch in Stockholm). In sengender Hitze machen wir uns auf den 5 Kilometer langen Marsch. Silkes Watschuhe eignen sich überhaupt nicht zum Wandern und erzeugen nach etwa 100 Metern riesige Blasen. Nach qualvollen eineinviertel Stunden kommen wir am Campingplatz an, wo es so schön ist, wie wir es in Erinnerung hatten. Nach Eis und Bier schlafen wir etwas, weil ein Ausflug nach Ystad am selben Tag nicht mehr lohnt. Das verschieben wir auf morgen 10 Uhr. Kurz vor acht werden wir wach und machen etwas zu Essen - Kalops. Nach kurzem Strand gucken gehen wir wieder Schlafen.

2. August 1995

8 Uhr wecken, frühstücken und ab nach Ystad. Das Tagebuch endet hier. Nachzutragen bleibt lediglich ein wunderbares Kreditkartengelage in Malmö, wo wir vor der Rückfahrt nach Deutschland eine Nacht Aufenthalt hatten. Wir verbrachten einige wunderschöne sonnige Tage und kamen gut erholt nach Hause.

 
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